Schlaf & Abend

Nicht einschlafen können wegen Gedanken? Was du jetzt im Bett tun kannst

Kurz gesagt

Wenn du wegen deiner Gedanken nicht einschlafen kannst, kämpf nicht gegen sie an. Notiere den Gedanken kurz, atme ein paar Minuten mit langer Ausatmung und lenk deine Aufmerksamkeit auf neutrale Bilder. Bist du nach längerer Zeit noch hellwach, steh kurz auf und geh erst zurück ins Bett, wenn du müde wirst.

Es ist halb eins. Du hast das Licht vor über einer Stunde ausgemacht, aber dein Kopf spielt immer noch dasselbe Programm ab: das Gespräch von heute, die Aufgabe für morgen, die Frage, wie du das alles schaffen sollst. Und je länger du wach liegst, desto mehr kommt eine neue Sorge dazu: „Wenn ich jetzt nicht bald schlafe, bin ich morgen völlig fertig.“

Dieser Artikel ist für genau diesen Moment gedacht. Nicht für die Abendroutine, sondern für die Situation, in der du schon im Bett liegst und nicht einschlafen kannst, weil die Gedanken nicht aufhören.

Warum du wegen deiner Gedanken nicht einschlafen kannst

Einschlafen ist kein Knopf, den man drücken kann. Es passiert, wenn Körper und Kopf zur Ruhe kommen. Genau das verhindern kreisende Gedanken.

Die Psychologin Allison Harvey hat 2002 ein kognitives Modell der Schlaflosigkeit vorgestellt. Kern davon: Sorgen und Grübeln vor dem Einschlafen erhöhen die geistige und körperliche Anspannung. Dazu kommt, dass Menschen mit Schlafproblemen oft sehr genau auf Anzeichen schlechten Schlafs achten, etwa auf die Uhrzeit oder darauf, wie wach sie sich fühlen. Diese Aufmerksamkeit steigert die Anspannung weiter.

Das Ergebnis ist ein typischer Teufelskreis:

  1. Du denkst über etwas nach und wirst unruhig.
  2. Du merkst, dass du nicht einschläfst, und machst dir Sorgen über den Schlaf.
  3. Die zusätzliche Sorge hält dich noch wacher.

Die folgenden Schritte setzen an allen drei Punkten an.

Was hilft, wenn du nachts wegen Gedanken nicht einschlafen kannst?

Du musst nicht alle Schritte nacheinander abarbeiten. Nimm dir die zwei oder drei, die sich für dich am stimmigsten anfühlen.

1. Hör auf, gegen die Gedanken zu kämpfen

Der erste Impuls ist fast immer: „Ich darf jetzt nicht mehr daran denken.“ Leider funktioniert das selten. In den bekannten Experimenten von Wegner und Kollegen (1987) sollten Teilnehmende nicht an einen weißen Bären denken. Das Ergebnis: Der weiße Bär tauchte danach sogar häufiger auf. Gedanken, die man unterdrücken will, kommen oft verstärkt zurück.

Versuch stattdessen, den Gedanken zu bemerken, ohne ihn zu bewerten: „Da ist wieder der Gedanke an die Präsentation.“ Du musst ihn weder lösen noch loswerden. Du lässt ihn da sein, während du dich um etwas anderes kümmerst.

2. Leg den Gedanken in zwei Sätzen ab

Halte einen Notizblock und einen Stift neben dem Bett bereit. Wenn ein Gedanke immer wiederkommt, schreib ihn auf, aber kurz. Nicht als Tagebucheintrag, sondern als Ablage:

  • Was beschäftigt mich? (ein Satz)
  • Wann kümmere ich mich darum? (ein Satz)

Beispiel: „Ich weiß nicht, ob ich die Deadline am Freitag schaffe. Morgen um 9 Uhr schaue ich mir den Plan an und schreibe Marco, falls ich mehr Zeit brauche.“ Danach Block weglegen. Der Gedanke ist nicht gelöst, aber er hat jetzt einen Termin.

3. Atme mit langer Ausatmung

Ein systematischer Review von Zaccaro und Kollegen (2018) zeigt, dass langsames Atmen mit mehr Entspannung, höherer parasympathischer Aktivität und weniger Erregung zusammenhängt. Im Bett eignet sich eine sehr einfache Variante:

  1. Leg eine Hand auf den Bauch.
  2. Atme ruhig durch die Nase ein und zähle bis vier.
  3. Atme langsam durch leicht geöffnete Lippen aus und zähle bis sechs oder sieben.
  4. Mach das zehn Atemzüge lang. Wenn du dich verzählst, fang einfach wieder bei eins an.

Das Zählen hat einen Nebeneffekt: Es beschäftigt genau den Teil deines Kopfes, der sonst grübeln würde.

4. Gib deinem Kopf neutrale Bilder

Grübeln ist sprachlich, es sind innere Sätze und Dialoge. Bilder können diese Sätze verdrängen, ohne dass du sie unterdrücken musst. Probier zum Beispiel:

  • Geh in Gedanken langsam durch eine Wohnung, die du gut kennst, und stell dir jedes Zimmer genau vor.
  • Denk dir zu einem Buchstaben fünf harmlose Gegenstände aus und stell dir jeden einzeln vor: A wie Apfel, Ast, Anker, Auto, Ameise.
  • Stell dir einen ruhigen Ort vor, mit Geräuschen, Temperatur und Licht.

Wichtig ist, dass die Bilder langweilig und emotional neutral sind. Spannende Pläne für den Urlaub sind eher kontraproduktiv.

5. Dreh den Wecker um

Ständiges Auf-die-Uhr-Schauen füttert genau die Schlafsorge, die Harvey beschreibt. Jeder Blick startet eine Rechnung: „Wenn ich jetzt einschlafe, habe ich noch fünf Stunden.“ Dreh den Wecker zur Wand und leg das Handy außer Reichweite. Die Uhrzeit hilft dir in diesem Moment nicht weiter.

6. Steh kurz auf, wenn du lange hellwach bist

Wenn du nach einer gefühlt langen Zeit noch völlig wach bist, steh auf. Geh in einen anderen Raum, lass das Licht gedämpft und mach etwas Ruhiges: ein paar Seiten in einem nicht zu spannenden Buch, leise Musik, ein Glas Wasser. Geh zurück ins Bett, sobald du merkst, dass die Augen schwer werden.

So lernt dein Kopf mit der Zeit wieder: Bett heißt Schlafen, nicht Grübeln.

7. Nimm die Nacht nicht so wichtig

Das klingt paradox, ist aber einer der wirksamsten Gedanken überhaupt. Eine schlechte Nacht ist unangenehm, aber du kommst damit durch. Die amerikanischen Schlafmedizin-Gesellschaften empfehlen in ihrem Konsens von 2015 (Watson et al.) zwar, dass Erwachsene regelmäßig sieben Stunden oder mehr schlafen sollten. Das Wort „regelmäßig“ ist dabei wichtig: Es geht um den Durchschnitt, nicht um jede einzelne Nacht.

Ein hilfreicher Satz für den Moment: „Ich ruhe mich jetzt aus. Ob ich schlafe, entscheidet mein Körper.“

Ein Beispiel: Halb eins, und der Kopf läuft

Stell dir vor, du hast morgen ein schwieriges Gespräch mit deiner Vermieterin wegen einer Mieterhöhung. Um 0:30 Uhr spielst du zum zehnten Mal durch, was sie sagen könnte.

So könntest du die Schritte kombinieren:

  • Schritt 1: „Okay, da ist der Gedanke an das Gespräch. Der darf da sein.“
  • Schritt 2: Du schreibst: „Sorge: Ich kann mir die Erhöhung nicht leisten. Morgen um 8 Uhr schreibe ich drei Fragen auf, die ich ihr stellen will.“
  • Schritt 3: Zehn Atemzüge, vier ein, sechs aus.
  • Schritt 4: Du gehst in Gedanken durch die Wohnung deiner Großeltern, Zimmer für Zimmer.
  • Schritt 5: Der Wecker bleibt umgedreht.

Wenn du nach einer Weile immer noch hellwach bist, folgt Schritt 6. Kein Erfolgsdruck, nur ein Ablauf, der deinem Kopf etwas anderes zu tun gibt.

Der Notfallplan für den Nachttisch

Schreib dir diese Karte ab und leg sie neben dein Bett. Nachts fällt es schwer, sich an Strategien zu erinnern, eine Karte hilft.

  1. Gedanken nicht wegdrücken. Benennen: „Da ist wieder …“
  2. Zwei Sätze notieren: Was beschäftigt mich? Wann kümmere ich mich darum?
  3. Zehn Atemzüge: vier ein, sechs aus.
  4. Neutrale Bilder: Wohnung, Buchstaben-Spiel oder ruhiger Ort.
  5. Keine Uhr, kein Handy.
  6. Lange hellwach? Kurz aufstehen, gedämpftes Licht, zurück, wenn müde.
  7. Satz für die Nacht: „Ich ruhe mich aus. Schlaf kommt, wenn er kommt.“

Und am nächsten Abend?

Was du im Bett tust, ist Erste Hilfe. Noch wirksamer ist es, das Gedankenkarussell schon vorher zu bremsen. Wie das mit einer festen Abendroutine geht, liest du im Artikel Gedankenkarussell nachts stoppen. Eine ausführliche Methode mit Vorlagen findest du unter Gedanken aufschreiben vor dem Schlafen. Und warum Ängste gerade abends so viel größer wirken, erklärt der Beitrag abends Angst: warum und was hilft.

Wie unLooper dich dabei unterstützen kann

Wenn du nachts lieber zum Handy als zum Notizblock greifst, kannst du in unLooper die Funktion „Quiet Mind at Night“ nutzen. Du schreibst in einem kurzen Brain-Dump auf, was dich beschäftigt, und die App hilft dir zu sortieren, was morgen dran ist und was heute Nacht ohnehin nicht lösbar ist. Danach führen dich Atem- und Erdungsübungen sanft runter.

Das passt zu den Schritten 2 und 3 in diesem Artikel, ohne dass du nachts nachdenken musst, wie es weitergeht. Deine Einträge bleiben standardmäßig auf deinem Gerät. unLooper ist ein Werkzeug zur Selbstreflexion, kein medizinisches Angebot.

Ruhiger Abendbildschirm in unLooper mit geführter Atemübung zum Einschlafen
Ruhiger Abendbildschirm in unLooper mit geführter Atemübung zum Einschlafen

Wann du dir Hilfe holen solltest

Wenn du über mehrere Wochen regelmäßig wegen deiner Gedanken nicht einschlafen kannst, dich tagsüber erschöpft fühlst oder dein Alltag darunter leidet, sprich mit deiner Hausärztin, deinem Hausarzt oder einer Psychotherapeutin bzw. einem Psychotherapeuten. Wenn du Gedanken hast, dir selbst etwas anzutun, wende dich bitte sofort an den örtlichen Notruf oder ein Krisentelefon.

Häufige Fragen

Warum kann ich nicht einschlafen, obwohl ich müde bin?

Müdigkeit allein reicht nicht, wenn dein Kopf und Körper angespannt sind. Die Schlafforschung beschreibt, dass Sorgen vor dem Einschlafen die innere Erregung erhöhen und damit das Einschlafen erschweren. Du bist dann gleichzeitig erschöpft und aufgedreht.

Soll ich aufstehen, wenn ich nicht einschlafen kann?

Wenn du lange hellwach im Bett liegst und grübelst, kann es helfen, kurz aufzustehen und bei gedämpftem Licht etwas Ruhiges zu tun. So verknüpft dein Kopf das Bett weniger mit Wachliegen. Geh zurück ins Bett, sobald du merkst, dass die Müdigkeit kommt.

Wie viel Schlaf brauche ich eigentlich?

Laut einer Konsensempfehlung der amerikanischen Schlafmedizin-Fachgesellschaften sollten Erwachsene regelmäßig sieben Stunden oder mehr pro Nacht schlafen. Eine einzelne kurze Nacht ist dabei kein Grund zur Panik, entscheidend ist der Durchschnitt über längere Zeit.

Hilft es, aufs Handy zu schauen, um mich abzulenken?

Meistens nicht. Nachrichten, Social Media und Mails liefern neues Material zum Nachdenken und halten dich wach. Wenn du das Handy nutzt, dann besser für eine kurze Notiz oder eine ruhige Atemübung als zum Scrollen.

unLooper
Fahd ChoukiGründer und Entwickler von unLooper

Fahd Chouki ist unabhängiger Entwickler und Gründer von unLooper. Er schreibt praktische Ratgeber zu Grübeln, Schlaf und Entscheidungen und fasst veröffentlichte Forschung in Schritte zusammen, die du noch am selben Tag anwenden kannst.

So arbeiten wir: Jeder Ratgeber stützt sich auf begutachtete Studien, die in den Quellen aufgeführt sind, wird auf Richtigkeit geprüft und aktualisiert, wenn sich die Studienlage ändert.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. Harvey, A. G. (2002). A cognitive model of insomnia. Behaviour Research and Therapy, 40(8), 869–893. doi:10.1016/S0005-7967(01)00061-4
  2. Wegner, D. M., Schneider, D. J., Carter, S. R., & White, T. L. (1987). Paradoxical effects of thought suppression. Journal of Personality and Social Psychology, 53(1), 5–13. doi:10.1037/0022-3514.53.1.5
  3. Zaccaro, A., et al. (2018). How breath-control can change your life: A systematic review on psycho-physiological correlates of slow breathing. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 353. doi:10.3389/fnhum.2018.00353
  4. Watson, N. F., et al. (2015). Recommended amount of sleep for a healthy adult: A joint consensus statement of the AASM and SRS. Sleep, 38(6), 843–844. doi:10.5665/sleep.4716

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und Selbstreflexion. Er ist keine medizinische Beratung und ersetzt keine Ärztin, keinen Arzt und keine psychotherapeutische Fachperson.